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FriGGa Wendt – Antwort auf die Antwort

Liebe Frigga,
liebe Kommentarschreiber,
danke für eure Meinungen. Ich hab das alles etwas setzen lassen um über die eingebrachten Ideen nachzudenken und möchte jetzt wieder einen Schritt in der Diskussion machen. Also veröffentliche ich eine Antwort auf Friggas Wendts letzten Beitrag den ich zwar toll geschrieben fand, der mir aber inhaltlich nicht wirklich gefallen hat. Oder besser formuliert: Wow, er war super geschrieben, hat mir also sehr gefallen, aber… Mehr dazu im Artikel. Ich bin leider nicht so strukturiert wie Frigga, die ja wirklich Argument für Argument antwortete. Aber egal. Ich beziehe mich da trotzdem auf die Anregungen, die ich in der Diskussion (auch über die Kommentare natürlich) erhalten habe.

Hier ist der Link zum ursprünglichen Artikel von Frigga: https://gruenkraft.design/webdesignblog/das-bedingungslose-grundeinkommen-diskussion-mit-frigga-wendt/

Bevor ich später auf die einzelnen Punkte eingehe, möchte ich zunächst mal was hervorheben. Ich glaube nämlich dass Frigga und ich und auch die Kommentatoren viel mehr einer Meinung sind, als es erscheint. Wir sind (so vermute ich) beide der Meinung, dass es so (politisch/wirtschaftlich) nicht mehr weiter geht, dass Änderungen passieren sollen, dass die Menschen (und zwar alle) viel mehr Chancen auf eine erfreuliche Existenz haben sollten usw. usw. Ich mag erst mal das Gemeinsame hervorheben, bevor ich dann sage, warum ich nicht glaube, dass diese schönen Ziele über das BGE zu realisieren sind.

So, das war also mal die Einleitung, jetzt zu den einzelnen Sachen. Ich beginne mal mit den “Grundrechten” oder “Naturrechten”, die mehrfach (auch in den Kommentaren) angesprochen wurden. Den Gedanken finde ich dolle, nur leider ist er nicht realisierbar. Überlegt mal: Öl oder irgend ein anderer “wertvoller” Bodenschatz wird irgendwo entdeckt, aber irgendwelche Eingeborenen leben halt dort, wo auch der Rohstoff ist. Das Öl (oder was immer es auch ist) wird niemals abgebaut, nicht war? Soviel zum Naturrecht. Nicht mal das Recht auf Zugang zu sauberem Wasser kann vor irgendeindem Gericht eingeklagt werden. In Peking saubere Atemluft einzuklagen wird auch nicht so leicht werden.

“Grundrechte” sind ja schön und gut. Solange sie aber nicht problemlos einklagbar sind, haben sie halt nicht viel Relevanz.

Jetzt aber wirklich zum BGE:

Frigga, dein Playdoyer ist oder war ganz wunderbar. Wären alle Menschen auf der Welt so motiviert wie du, dann müssten wir nicht mehr über das BGE reden, dann wäre es selbstverständlich. Aber es ist derzeit nicht selbstverständlich und es sind auch nicht alle Menschen dermassen intrinsisch motiviert bzw. enthusiastisch. Ganz im Gegenteil: Es gibt desinteressierte Menschen und von denen gibts nicht wenige. Die werden mit dem BGE vielleicht die Alkoholvorräte aufstocken um sich weiterhin (jetzt erst recht) vom Privatfernsehen volldröhnen zu lassen.

Denn das ist ja der theoretische Unterbau zum BGE: “Der Mensch ist gut”. Und das BGE bringt genau dieses Gute im Menschen ans Licht. Gibts das BGE, ists aus mit dem Volldröhnen und dem Privatfernsehen, das Gute im Menschen wird ja aktiviert. Das sagt jedenfalls die BGE-Theorie und das kann man jetzt glauben oder nicht. Ich z. B. glaube es nicht, sorry.

Leider sehe ich das Ganze genau andersrum: Das BGE motiviert nicht nur das “Gute”, sondern auch das “Böse”. Kunststück! Wenn man sich am Symptom abarbeitet, kommt man natürlich nicht ans eigentliche Problem ran. Und Geld ist in meinen Augen ja lediglich das Symptom eines tiefer sitzenden Problems.

Entschuldigung für meine – doch eher gossenhafte – Ausdrucksweise, aber wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, dem stockt manchmal der Atem und ich, ich kann dann nicht anders als ins Gossenhafte zu verfallen. Die Zustände benötigen leider drastische Beschreibungen. Der Mensch kann nämlich ein ganz schönes Arschloch sein, liebe BGE-Befürworter. Der Mensch könnte vielleicht auch gut sein, ich will nicht behaupten, dass unsere Kultur die einzig relevante ist.* Aber in der Kultur in der wir derzeit leben, ist es nicht “gut” und daher haben wir die z. B: soziale Problematik und die Umweltproblematik an der Backe. Aber genau weil unsere Kultur eben nicht “gut” ist, entstehen ja diese Probleme. Nicht DURCH das Geld, sondern MITTELS Geld. Ganz plakativ gesagt: Der eine ist ein Arsch und beutet den anderen aus. Und wenn wir jetzt Geld in dieses System der Ausbeutung reinpumpen, ändert das gar nichts an der Grundkonstellation. Der Arsch wird den anderen nach wie vor ausbeuten und die Summe der Ärsche, die dann versuchen werden, aus dem BGE irgendwie Kapital zu schlagen um sich zu bereichern, würde die gesamte Idee des BGE in kürzester Zeit zum Einsturz bringen. Das Beispiel der Mieten, die im BGE steigen würden, war ja nur ein Beispiel um die Thematik zu illustrieren. Ich habe nicht die Phantasie die nötig ist, um anderen im großen Stil das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber ich bin sicher, dass es möglich ist, denn das Geld ist nicht das Problem, das Geld ist das Symptom. Das Problem ist unsere Gesellschaft und unsere Lebensform.

Ein Gegenvorschlag zum BGE:

Wenn wir davon ausgehen, dass wir die zu Beginn erwähnten, gemeinsamen Ziele und Ideen haben (bessere Welt…), dann habe ich einen anderen Vorschlag: Warum sollten sich Menschen nicht vermehrt in Gemeinschaften organisieren. Kommunen, Ökodörfer, Allmende… Egal wie man das jetzt nennt bzw. organisiert. Wichtig ist, dass man aus dem “Klein Klein – ich verdiene MEIN Geld und zahle doch nicht für DEIN Zeug” rauskommt. Man kann in so einer Gemeinschaft viele Bereiche anders regeln als es heute in der üblichen “Erwerbsarbeit” der Fall ist, solche Gemeinschaften haben historische Vorbilder, durch historische/ soziologische Vergleiche ist man also nicht im Blindflug unterwegs, so wie das in meinen Augen beim BGE der Fall wäre (Das BGE gab es ja im Grunde noch nie, alles was Menschen dazu sagen, ist ja daher notgedrungener Maßen fiktiv.) Das Leben in Gemeinschaften ist eine Sache, die im gewissen Sinne natürlich im Menschen angelegt ist, unsere Vorfahren haben ja im Grunde immer so gelebt. Und in Gemeinschaften gibt es soziale Kontrolle, d. h. wenn in einer Allmende-Gemeinschaft alle arbeiten und zahlen und einer lässt sich immer die Sonne auf den Bauch scheinen und tut ausser kiffen über die Jahre hin nicht viel, dann wird das nicht lange gut gehen. Beim BGE kann man kiffen ohne Ende** und es wird niemanden aufregen.

Ach ja, noch was Wichtiges zum Thema Arbeit: Es gibt schlicht und einfach Arbeiten, die kaum einer machen mag. Punkt. Und leider sind das oft die wichtigsten Arbeiten in einer Gesellschaft. Erntehelfer ist ein gutes Beispiel. Da gabs dieses Jahr mehrere Medienberichte über die Arbeitsbedingungen, bei mehrfach das Wort “Sklaverei” verwendet wurde. Da werden z. B. ukrainische Arbeiter nach Europa eingeflogen und zu unmenschlichen Bedingungen aufs Feld geschickt. Der Preis pro Stunde muss niedrig sein, sonst kauft keiner das Zeug, Europäer, die das um den Preis machen, gibt es keine. Das Ergebnis ist dann, dass in Süditalien quasi Sklavenarbeit am Feld existiert, auch in Österreich kam es dieses Jahr zu ziemlich schlimmen Berichten.

Falls das BGE nicht weltweit gleichzeitig eingeführt wird, sehe ich kein Szenario mit BGE, das dieses Problem aus der Welt schafft. Nicht mal in der Theorie. (Und das BGE weltweit und gleichzeitig einzuführen, halte ich nicht für realistisch.) In einer Allmende oder im Ökodorf gibts dann halt Erneteeinsatz, wenn es mal notwendig ist. Weil de facto gibt es Arbeit, die gemacht werden muss und diese (wichtige) Arbeit ist oft nicht die spannenste.

Aber das BGE löst dieses Dilemma der ungeliebten aber wichtigen Arbeit auf eine klassisch-kapitalistische Art: Mit Preissteigerung. “Endlich” werden auch die unbliebten Berufe richtig bezahlt, denn es muss ja keiner mehr arbeiten gehen um die eigene Existenz zu sichern.” Das ist die Argumention “pro BGE”. Der Preis für die Arbeitsstunde wird also dann auf einem Markt abgeschlossen auf dem die Arbeitnehmer keine Existenzängste mehr haben müssen, daher werden die Löhne sehr gerecht sein.

Hmmm, ich bin unsicher: Überlegen wir mal: WCs zu reinigen ist nicht der Knaller, denk ich mal. Wieso muss diese (ungeliebte) Tätigkeit per mehr Geld/ gerechte Bezahlung geregelt werden (Modell BGE) anstatt sie zu sozialisieren? Man kann nämlich (theoretisch) nicht nur Umweltrisken und Bankengarantien sozialisieren, sondern auch ungeliebte Arbeiten wie das Kloputzen oder die Erntehilfe. Nur: Im Modell des BGE wird diese ungeliebte Arbeit zwar aufgewertet (das finde ich ja grundsätzlich sehr gut!) aber das Problem noch immer über Geld gelöst. Sorry, wenn ich jetzt Sozialutiopist bin, aber ich kann mir vorstellen, dass die Sozialisierung dieser Arbeiten einige Leute wieder auf den Boden der Realität zurückholt. (Börsenmakler, Politiker usw.) Und das würde uns allen nutzen.

Resümee:

Sorry, ich bin weiterhin speptisch. Da halte ich das solidarische Grundeinkommen der SPD noch für realitätsnäher. Warum soll einer jahrelang nichts tun und gleichzeitig liegt der Müll auf der Straße rum aber die Müllmänner werden jetzt “richtig OK” bezahlt und die Kommunen können sich die Müllabfuhr daher nicht mehr leisten. Also warum die “ungeliebte Drecksarbeit” nicht gleich sozialisieren und im Gegenzug ein Grundrecht auf Wasser, Essen, Wohnen etc. schaffen, das wirklich einklagbar ist. Also nicht nur ein Recht vergeben (BGE) sondern auch Bedingungen formulieren (Sozialisierung der notwendigen Drecksarbeit) .

Das BGE ist (eben weil es bedingungslos wäre) für mich eher eine Projektion verschiedener Wünsche aber nix Praxistaugliches.

Hier ist der Link zum ursprünglichen Artikel von Frigga: https://gruenkraft.design/webdesignblog/das-bedingungslose-grundeinkommen-diskussion-mit-frigga-wendt/

* Ich schage vor die Debatte zu begrenzen und die Kulturfrage nicht mit reinzunehmen. Ich lebe gerne ich unserem so gar nicht perfektem Europa, kenne keine vergleichbare, “bessere” Kultur würde mir aber trotzdem wünschen, dass wir Europäer die moralischen Standards, die wir häufig rausposaunen, auch dann leben, wenn… Na ja wenn Rüstungsgeschäfte gemacht werden oder Öl im Dschungel – weitab der europäischen Gesetze und Gerichte – entdeckt wird (s.o.)

**Bier, Bildzeitung und Privatfernsehen sind natürlich auch potentiell im BGE-Paket mit drinnen, nicht nur kiffen. Im Fall von Österreich halt nicht Bildzeitung sondern Kronenzeitung. Aber am Problem ändert das nichts. Mich würde daher interessieren ob jemand länger als ein Jahr in Wedding, Neuköln oder der Brigittenau gelebt hat oder im Plattenbau und dann immer noch für das BGE ist. ;) Ich habe ca. 10 Jahre in der Brigittenau gelebt. Ich kenne den Alltag dort. Sorry. Aber das ist ja nicht das Hauptthema.

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4 Kommentare zu “FriGGa Wendt – Antwort auf die Antwort”

  • Lieber Herr Raphael Bolius, Sie schreiben:

    “Grundrechte” sind ja schön und gut. Solange sie aber nicht problemlos einklagbar sind, haben sie halt nicht viel Relevanz.”

    Lassen Sie mich ganz kurz nur darauf eingehen.
    -Dies eben ist ja das Eigene an Grundrechten, dass sie nicht irgendwie teilbar oder relativierbar sind, sondern alles sich umgekehrt an ihnen messen muss .
    Ich unterstelle Ihnen die besten Absichten von der Welt, aber sonst spielt man weniger Gutgesinnten nur in die Hände.
    Alles Andere möchte ich groesstenteils eigentlich unkritisiert von mir so stehen lassen. Vieles davon scheint mir vernünftig und praktikabel zu sein; ich sehe bloss nicht immer den Widerspruch zum BGE.

    Gruesse

    Alfref.

  • Danke erst mal für den Beitrag und die grundsätzlich positive Aufnahme meiner Gedanken. Bei den Rechtsfragen bin ich kein Spezialist, das wäre ja auch wunderlich. Aber wenn ich Wikipedia vertrauen darf, dann ist das nicht so. https://de.wikipedia.org/wiki/Grundrechte

    Grundrechte werden in Verfassungen definiert. Allerdings sehen manche die Menschenrechte als universell und somit automatisch als gegeben an. Was mich schon wundert, denn die Menschenrechte sind ja eine sehr europäische Idee, die in der französischen Revolution erstmals aufgetaucht sind. Wieso also eine europäische Idee universell sein soll, eine indische, afrikanische oder japanische Auffassung aber nicht, das kann ich nicht sagen. Aber ich fürchte, diese Rechtsdiskussion ist zu spezifisch. ;)

  • Vielen Dank zurück.
    Dass man Wikipedia halt nicht immer vertrauen kann, ist ein alter Hut.
    Aber darum geht es mir auch nicht.
    Selbst wenn nirgendwo per Definition festgelegt wäre, dass wir ein Recht auf Leben haben – hätten wir es deshalb weniger als jetzt? Gibt es nicht auch ein Recht, das mit der Geburt entsteht und mit dem Tod endet? Freilich kann ich es definieren und institutionalisieren lassen; aber das ist uns allein deshalb möglich, weil es gewissermaßen zuvor schon existent war; in welchem anderen Fall es bloss auf inhaltleeres Gewaesch hinausliefe!
    Auch die Verfassung der europäischen Menschenrechte hatte einmal ihren “Stein des Anstoßes” gehabt, wie Sie wissen.
    Das Recht auf Versorgung mit ein paar natürlichen Lebens-Mitteln wie Essen Trinkwasser Atemluft Schlaf ist vom Grundgesetz gedeckt; es ist zudem absolut mit etwas logischem Denken vereinbar – das bedarf ja keiner weiten Ausführung!
    So das soll es jetzt von meiner Seite wirklich gewesen sein!

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